Überfließende Himmel verschwendeter Sterne

prachten über der Kümmernis. Statt in die Kissen,

weine hinauf. Hier, an dem weinenden schon,

an dem endenden Antlitz,

um sich greifend, beginnt der hin-

reißende Weltraum. Wer unterbricht,

wenn du dort hin drängst,

die Strömung? Keiner. Es sei denn,

dass du plötzlich ringst mit der gewaltigen Richtung

jener Gestirne nach dir. Atme.

Atme das Dunkel der Erde und wieder

aufschau!  Wieder.  Leicht und gesichtlos

lehnt sich von oben Tiefe dir an. Das gelöste

nachtenthaltne Gesicht gibt dem deinigen Raum.



Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.

Wenn das Zufällige und Ungefähre

verstummte und das nachbarliche Lachen,

wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,

mich nicht so sehr verhinderte am Wachen - :

 

Dann könnte ich in einem tausendfachen 

Gedanken bis an deinen Rand dich denken

und dich besitzen ( nur ein Lächeln lang),

um dich an alles Leben zu verschenken

wie einen Dank.



Wie soll ich meine Seele halten, dass

sie nicht an deine rührt? Wie soll ich

sie hinheben über dich zu andern Dingen?

Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas

Verlorenem im Dunkel unterbringen

an einer fremden stillen Stelle, die

nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,

nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,

der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument wind wir gespannt?

Und welcher Geiger hat uns in der Hand?

o süßes Lied.

 

 



Ich fürchte mich vor der Menschen Wort.

Sie sprechen alles so deutlich aus:

Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,

und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

 

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,

sie wissen alles, was wird und war;

kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;

ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

 

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.

Die Dinge singen hör ich so gern.

Ihr Rührt sie an: sie sind starr und stumm.

Ihr bringt mir alle die Dinge um.


Ich ließ meinen Engel lange nicht los,

und er verarmte mir in den Armen

und wurde klein, und ich wurde groß:

und auf einmal war ich das Erbarmen,

und er eine zitternde Bitte bloß.

 

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, -

und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;

er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,

und wir haben langsam einander erkannt....

 

Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,

kann er frei seine Flügel entfalten

und die Stille der Sterne durchspalten, - 

denn er muss meiner einsamen Nacht 

nicht mehr die ängstlichen Hände halten -

seit mich mein Engel nicht mehr bewacht.


Einmal, am Rande des Hains, 
stehn wir einsam beisammen 
und sind festlich, wie Flammen 
fühlen: Alles ist Eins. 

Halten uns fest umfaßt; 
werden im lauschenden Lande 
durch die weichen Gewande 
wachsen wie Ast an Ast. 

Wiegt ein erwachender Hauch 
die Dolden des Oleanders: 
sieh, wir sind nicht mehr anders, 
und wir wiegen uns auch. 

Meine Seele spürt, 
daß wir am Tore tasten. 
Und sie fragt dich im Rasten: 
Hast Du mich hergeführt? 

Und du lächelst darauf 
so herrlich und heiter 
und: bald wandern wir weiter: 
Tore gehn auf.. 

Und wir sind nichtmehr zag, 
unser Weg wird kein Weh sein, 
wird eine lange Allee sein 
aus dem vergangenen Tag. 


Aus: Dir zur Feier (1897/98)

Rilke: Alles ist eins